„Geschichten aus dem Wiener Wald“ (Ödön von Horváth)

wiener-waldGemeinsam gehen Marianne, Valerie, der Zauberkönig, Oskar und Alfred nach draußen in die Wachau, wo die Sonne scheint. Marianne grüßt die Großmutter per Handkuss, liest den ihr ausgehändigten Brief über den Tod ihres Babys, im nächsten Moment will sie sie mit der Zither erschlagen, woraufhin Oskar Marianne die Kehle zudrückt. Die Großmutter schimpft auf Marianne, die Mutter vertreibt die Großmutter, die Großmutter ohrfeigt die Mutter. Marianne schimpft auf Gott und Oskar droht ihr mit seiner Liebe. Nur auf Oskar gestützt kann Marianne noch laufen. Laufen zurück in ihr altes Leben, aus dem sie hatte ausbrechen wollen, laufen in ein Leben, in dem ihre Träume geplatzt sind.
Derart friedlich und glückselig geht es in Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ zu, geschrieben in einer Zeit zwischen zwei Weltkriegen, zur Zeit der Weltwirtschaftskrise, des aufkeimenden Nationalsozialismus, des Verfalls der Weimarer Republik. All diese Motive verarbeitet Horváth in seinem Stück im Hinblick auf die gestörten zwischenmenschlichen Beziehungen.
Da gibt es Erich, der seine Randständigkeit in der Gruppe mit nationalsozialistischem Gehabe kompensiert, Havlitschek, der Frauen gar nicht wirklich als Menschen, sondern als „seelenloses Fleisch“ betrachtet, seinen sadistischen Kumpanen Oskar, der diese Neigung allerdings leugnet, Valerie, deren Beziehungen nur sexueller und finanzieller Natur sind, den patriarchalischen Lustmolch Leopold, genannt Zauberkönig, den lügenden, betrügenden Alfred und schließlich Marianne, deren Versuch, aus diesen Verhältnissen auszubrechen, misslingt.
Anhand dieser und weiterer Beispiele verweist Horváth gekonnt unter dem Deckmantel der Idylle auf die Divergenz zwischen Sein und Schein, welche auch schon Gerhart Hauptmann in seiner Berliner Tragikomödie „Die Ratten“ aufdeckte.
Diese „Demaskierung des Bewusstseins“, die Horváth da betreibt, erkannten schon die Nationalsozialisten, fühlten sich angegriffen und bezeichneten das Volksstück im „Angriff“ als „Miststück“. Diese Meinung teilte die Masse der Zuschauer nicht. Das Werk war der Durchbruch des damals 29-jährigen Schriftstellers, welches ihm zurecht den Kleist-Preis einbrachte, nachdem bereits sein Vorwerk „Italienische Nacht“ mit großem Erfolg uraufgeführt worden war.
Zwar ist das Stück als Schauspiel wesentlich ansehnlicher als im Textformat, doch egal, für welches Medium Sie sich entscheiden, zurück bleibt immer ein „Klingen und Singen – als verklänge irgendwo […] der Walzer ,Geschichten aus dem Wiener Wald’ von Johann Strauß.“

Natascha Kotainy, Burg-Gymnasium Bad Bentheim

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