Jugend ohne Gott (Ödön von Horváth)

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Vor mir auf dem Tisch liegt der Roman „Jugend ohne Gott“. Der Autor beginnt mit einem H: er heißt von Horváth; mit dem Vornamen Ödön. Eigenartiger Name, denke ich mir. 132 Seiten reiner Text, dazu 49 Seiten Kommentar und 24 Seiten mit Anmerkungen. Ich werde den Text auf mich wirken lassen. Rezensieren! Dann lass uns sehen H, was du über die Jugend geschrieben hast.
Es geht um die Geschichte eines Lehrers. Er versucht sich als Opportunist. Er versucht seine Existenz zu sichern. Die Schüler teilen nicht seine Ansichten. Sie stellen sich gegen ihn. Aber nicht alle! Mir fällt auf, dass der H eine Begabung dafür hat die Person natürlich wirken zu lassen. Die Gedanken des Lehrers sind sehr präzise, kurz und äußerst deskriptiv. Trotzdem leicht verständlich. Meine Gedanken verlieren sich in denen des Lehrers. Der parataktische Stil erfreut mich. Denken wir denn nicht alle so? Bestimmt! Und ich schreibe sogleich „stimmig“ an den Rand, obwohl es auch „originell“ sein könnte. Unter den Schülern wird ein Mord begangen. Ich lese weiter. Der Lehrer ist nicht schuldlos. Er deckt deshalb den Mord auf und findet zu Gott. An ihn hat er nicht mehr geglaubt. Der Herr Lehrer hat Fehler. Man kann ihn bemitleiden. Ob H weiß, dass Menschen wirklich so sind? Ich bin auch so! Mir gefällt es. An Stelle von einem perfekten Protagonisten ist der Lehrer ein Held mit Fehlern. Und er findet zum Guten. Daraus kann jeder etwas für seine persönliche Entwicklung ableiten. Aber zurück zum Mord! Also nur ein Kriminalroman, frage ich mich? Nein! Ich zögere mich festzulegen. Aber es dreht sich doch auch um Jugendliche und um ihre Verrohung in der nationalsozialistische Gesellschaft. Dann also ein Jugendroman? Oder ist es vielleicht doch ein philosophischer Text? Gott selbst wird hinterfragt. Scheint so! Ich weiß es nicht.
Ich blättere um. Ein Satz nach dem anderen. Ich denke, ich bin der Lehrer. Wie sich die Geschichte wendet und zuspitzt! Ich reibe mir die Augen. Die Symbole sind schöne sprachliche Bilder. Sie gehen mir nicht aus dem Kopf. Fahne, Fisch, Mann im Mond, illuminierter Totenkopf. Ich fange an zu deuten, lasse es aber gleich sein. Es wäre zu viel. Ich muss weiter lesen. Zudem aus der Sicht eines vermeintlichen Täters unter dem Nationalsozialismus. Er wird selbst zum Opfer. Das findet Anklang, denke ich mir. Ein Tribut an die Menschen, die in dieser Zeit nicht von ihren guten Werten abgewichen sind. Jeder muss es lesen, um die Wahrheit zu erfahren.
Ich überlege. Niemand durfte solche Aussagen stehen lassen. Auch nicht der H. Denn was einer im Radio sagte, musste auch geschrieben werden. Ein Verbot durch die Gestapo? Ja!
Ich klappe das Buch zu. Fragen werden in meinem Kopf aufgeworfen. In jedem Fall ist es ein Roman über die Wahrheit. Ich denke sofort an die Neger.

6 Antworten zu Jugend ohne Gott (Ödön von Horváth)

  1. Lisa sagt:

    Was das Buch ausmacht, beschreibst du sehr gut und vor allem verrätst du dadurch, inwiefern dich das Buch berührt hat.
    Der Schreibstil und speziell das nachgeahmte Symbol, nur H zu schreiben bringts zum leuchten!

  2. leamee sagt:

    Rudi, dein Text „leuchtet“!!! Du hast den Inhalt zusammengefasst, erste Interpretationen und die Wirkung auf den Leser genannt…und das alles im Schreibstil des rezensierten Buches.
    Respekt! Und wenn du jetzt noch „prezise“ mit ä schreibst….😉

  3. malte1989 sagt:

    Also ich finde die Idee mit H wie Horváth ja echt gut, wirkt aber etwas aufgesetzt. Mit den kurzen, parataktischen Hauptsätzen gibst du sehr spannend wieder, wie du das Buch erlebt hast!
    Insgesamt eine echt respaktable Rezension!!!Super!

  4. meike1 sagt:

    Ich finde die Idee mit dem H überhaupt nicht aufgesetzt. Der Stil der Rezension, auch die Verwendung des Anfangsbuchstaben, gibt den Stil, in dem das Buch geschrieben wurde, sehr gut wieder. Eine gute Idee!

  5. krittelkasten sagt:

    Ich finde auch, dass deine Rezension in einem ganz besonderen Ton geschrieben ist und sich damit erfreulich von konventionellen Rezensionen abhebt. Den letzten Satz aber musst du mir erklären!

  6. pschmidt2 sagt:

    Die Rezension des H(amburg) gefällt mir sehr gut. Durch den benutzten Stil bekommt es eine eigene Note, die das Buch selbst wiederspiegelt. Inhalt und Gendankengänge werden treffend übermittelt.

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